Livereview: The Black Dahlia Murder - 3 Inches Of Blood
        Necrophobic - Obscura - The Faceless - Carnifex - Ingested
23. Januar 2010, Transilvania, Erstfeld (UR)
By El Muerte
Sieben mehr oder weniger fette Bands zu einem sensationell niedrigen Eintrittspreis, da könnten sich eine Menge Veranstalter von eine Scheibe abschneiden - Für so ein Package nimmt unsereins die 1.75 Stunden-Anfahrt gerne hinter sich. Dass das Transilvania sich letzthin vermehrt um Acts dieser Sparte Extrem-Mucke bemüht, offenbart dabei weit mehr als nur den soliden Zuwachs an Besuchern - Scheinbar scheinen die Konditionen zu stimmen, immerhin sind The Black Dahlia Murder nun bereits zum zweiten Mal in dieser Location zu Gast. Bei unserem Eintreffen mussten wir dann zuerst mal feststellen, dass Ingested schon über die Bühne gebrettert waren - Ein Umstand, den solch rappelvolle Tour-Packages halt einfach mit sich bringen.

Carnifex

Als nächstes im Billing waren dann auch schon die amerikanischen Überflieger von Carnifex vorgesehen, die rotierenden Band-Slots wirkten hier dem Publikumsinteresse klar entgegen. Aufgrund der ziemlich knappen Spielzeit von 20 (!) Minuten liess die Band die langen Ansprachen auch gleich stecken, und machte statt dessen Nägel mit Köpfen - Ein Umstand, dem aber beinahe sämtliche Acts dieses Abends Rechnung trugen. Trotz der optimalen Ausnützung der Spielzeit kamen Carnifex so lediglich auf total vier Songs, wobei nebst dem Titeltrack der kommenden Studioscheibe «Hell Chose Me» klar auf Klassiker gebaut wurde - Allen voran natürlich «Lie To My Face», wieder mit dem wunderbaren «What The Fuck?»-Breakdown. Die Band versuchte dabei das beste aus der Situation zu machen, und die Wucht rettete die arg kurze Show dann auch klar ins positive Lager. Überraschend gross dabei auch der mitsingende Teil des Publikums, hätte ich jetzt so nicht erwartet - Dass sich die Leute dabei gleich als Downloader der neuen noch unveröffentlichten Platte outeten, schien niemanden gestört zu haben.

The Faceless
Nach einer rasanten Umbaupause lag es dann an The Faceless, das Publikum für sich zu gewinnen. Dass die bis jetzt anwesende Meute im Durchschnitt wohl um die 18 Jahre jung war, liess dabei die Voraussetzungen für den Frickel-Death des Quintetts nicht all zu rosig aussehen - Aber den Umständen zum Trotz kam die Band wirklich gut an, was man vor allem der Tightness der jungen Musiker anrechnen kann: The Faceless konnten trotz des technisch wohl am anspruchsvollsten Sets des ganzen Abends in Sachen Präzision auch in den oberen Rängen mitspielen, was dem Publikum klar die Frisuren nach hinten bürstete - Fetter Stoff, muss man schon sagen. Dass ob all der musikalischen Brillianz, die in ruhigen Momenten übrigens sehr an Cynic erinnert, der Mitmach-Faktor etwas zu kurz kommt, versteht sich selbstredend, alleine Fronter Derek 'Demon Carcass' Rydquist und Gitarrist Steve Jones brachten etwas Bewegung in die Sache. Dabei ist das allerdings wirklich der einzige negative Punkt, der bei der Bewertung dieser Formation ins Gewicht fällt, mir hatte die Band klar die Socken ausgezogen – Und das mittlerweile auf wohl gut 250 Nasen angewachsene Publikum schien einer ähnlichen Meinung zu sein.

Obscura
Dass Obscura somit einen schwierigen Start hätten, liess sich mehr als nur vermuten - Zumal die Band wohl den wenigsten Besuchern ein Begriff war. Was kurz darauf folgte, war aber eine erneute Überraschung: Die deutsch-stämmige Formation um Frontmann/Gitarrist Steffen Kummerer konnte nicht nur das technische Niveau von The Faceless halten, sondern versetzten der Mucke eine ordentliche Prise Dunkelheit – Was das anspruchsvolle Gebräu leicht in Richtung Behemoth und Konsorten wandern liess, wären da nicht die offensichtliche progressiven Anstriche gewesen… Allen voran Leihbasser Jeroen Paul Thesseling gab mit seinem Fretless-Instrument die Richtlinie an, und verpasste der Musik einige gekonnt aus dem Ärmel geschüttelte Fusion-Momente. Progressiver Death Metal für Feinschmecker, würde ich mal meinen. Auch schön waren die in deutsch gehaltenen Ansagen - Erst hier wurde mir bewusst, wie selten eine wirklich solide europäische Band normalerweise bei solchen Tourpackages dabei ist… Und ja, das schliesst Caliban aus. Die Reaktionen sprachen auch hier klar für die agierende Band, aber das Publikum zeigte sich ob der Musik-Flut leicht zurückhaltend – Was der Performance aber nichts vom Glanz nahm. Der Name ist auf jeden Fall gemerkt, so viel steht fest.

Necrophobic
Mit Necrophobic zog kurz darauf die Düsterfraktion ins Transilvania ein – Danach hatte es zumindest den Anschein. Das schwedische Quintett war die einzige Formation, die die Bühne auch optisch etwas herrichten liess: Beidseitig vor den Amps zierten Skelett-Konstruktionen fest installierte Flaggen, Slayer schienen hierbei Pate gestanden zu haben. Obwohl sich die Band keine Blösse gab, und ihre Show hübsch aufgepeppt in Corpsepaint zelebrierten, so war dann nach der anfänglichen Befanglichkeit nicht mehr viel von den szenetypischen Kälte am start, die Band hatte offensichtlich eine fette Ladung Rock'n'Roll-Schrot in den Hintern gekriegt, und zelebrierte ihre Riffs mit der nötigen Mischung aus aus Rotz und Arschtritt-Faktor. Zwar konnte ein grosser Teil des Publikums nicht viel mit der dargebotenen Musik anfangen, aber das war der Band herzlich egal: Die mittlerweile auf vierzig Minuten angewachsene Spielzeit wurde komplett mit kultigen Songs zugepappt, dass sich die schwarzen Balken bogen. Irgendwo im letzten Drittel stampfte Fronter Tobias noch schnell mit einer riesigen Flagge über das Parkett, während kurz darauf der Drummer von 3 Inches Of Blood samt Einkaufswagen über die Bühne bretterte… Der Gig erhielt trotz der ziemlich überraschenden Direktheit nur durchschnittlichen Zuspruch, was meiner Meinung nach definitiv nicht an der Band liegt – Zwar kann man sich Fragen, was so eine Formation auf der Bonecrusher-Tour verloren hat, aber im Endeffekt spielt es nun wirklich keine Rolle.

3 Inches Of Blood
Auch die folgenden 3 Inches Of Blood wollten nicht so einfach ins ansonsten klar Death Metal–lastige Line–Up passen – Die bis anhin einzige mehr oder weniger erfolgreiche Viking–Band aus England hatte wohl eher von der Label-Seite her das eine oder andere Wort zu melden. Nichtsdestotrotz nahm das Quintett die Bühne im Sturm, und nach den ersten vier Songs stieg das Fieber auch langsam auf das Publikum über. Auf den Punkt gespielter Thrash–Metal mit Groove-Anleihen hat live klar potential, auch wenn's auf Platte schnell mal uninteressant werden kann. Dabei passten auch hier die Musiker visuell perfekt zu ihrem dargebotenen Sound, während dem 3 Inches Of Blood-Gig regierten klar Jeans und Nieten das Geschehen. Fronter Cam Pipes richtete zwar einige Male das Wort an das mittlerweile gemütlich geniessende Publikum, ansonsten wurde aber geballert, was die Instrumente hergaben. Während irgendwo nach dem ersten Drittel des Sets die Bass-Drum beinahe komplett im Mix unterging, ballerten uns dafür die beiden Klampfer ihre heissen Riffs und Licks in die Gehörgänge – Und das publikum reagierte zunehmend positiv auf die Band. Ich müsste an dieser Stelle noch kurz anfügen, dass die Band klar über den schlechtesten Sound des ansonsten überraschenderweise von Anfang an solide klingenden Abends verfügte - Dass zudem Cam's kabelloses Mik zwischendurch den Geist aufgab, war da nur noch das Tüpfchelchen auf dem I. In so einer Situation hätte jede technische Band extremst abgestunken, aber 3 Inches Of Blood hatten trotz den soundtechnischen Widrigkeiten klar die alte Schule auf ihrer Seite: 'Kopf voran in die Schlacht und keine Gefangenen machen' funktionierte glücklicherweise auch 2010 noch äusserst gut.

The Black Dahlia Murder
The Black Dahlia Murder schliesslich feierten mit diesem Gig auch gleich wie eingangs erwähnt ihre Rückkehr ins Transilvania - War die letzte Show aber noch von geringem Publikumsaufmarsch beglückt worden, so hat sich dies dank dem fetten Line-Up der Bonecrusher-Tour klar gebessert: So um die 400 Nasen werden dem knapp 60-Minütigen Konzert gelauscht haben. Was die Performance anging, so sind TBDM mittlerweile ein zu eingespieltes Team, als dass da noch grosse Überraschungen auf die Konzertgänger zukommen könnten: Während Drummer Shannon Lucas äusserst Tight durch's Programm hämmerte, und sich alle drei Saitenmalträtierer auf ihre Instrumente und die Backingvocals konzentrierten, war es erneut Frontmann Trevor Strnad, der die Zügel der Show in den Händen hielt. Bereits beim vierten Song war sein Shirt klatschnass geschwitzt und landete auf dem Drumriser, während er pausenlos an vorderster Front wild gestikulierte, das Publikum motivierte, breit grinste, und natürlich nicht zu letzt seine Texte ins Mikro bellte (Randnotiz: Ich kann mir einfach nicht erklären, wie's der Gute bei all der Bewegung und Hingabe nach wie vor nicht geschafft hat, seinen durchaus üppigen Bauch abzuschwitzen – sowas müsste physikalisch betrachtet eigentlich wie von selbst passieren). Aus dem songtechnischen Blinckwickel betrachtet, hatten TBDM mit «Deflorate» mittlerweile eine neue Platte am Start, und konnte so gleich mit Songs wie «Black Valor», «Necropolis», und «Christ Deformed» punkten - Natürlich mit Zitaten aus sätmlichen vorhergehenden Schieben, wie etwa «A Vulgar Picture» von «Miasma», «Closed Casket Requiem» von «Unhallowed», und «What A Horrible Night To Have A Curse Upon Us» von «Nocturnal» punkten. Richtig fett kam dabei das Doppelpaket «Miasma» und «Deathmask Divine» daher, wuchtiger habe ich TBDM selten erlebt. Das Publikum schien indes am Dargebotenen zwar äusserst interessiert, aber leider auch bereits an den letzten Reserven zehrend zu sein, was den 'Physikalisch Mitmach'-Faktor anging. So wurden zwar vereinzelt die Haare geschwungen und etwas rumgeschubst, aber der Pit kochte ansonsten im Schnitt auf Sparflamme. Spätestens hier hatte ich ein starkes Déjà-Vu: Fronter Trevor lobte die Publikums-Reaktionen, hatte aber gleichzeitig die Brille schon längst auf dem Drum-Riser abgelegt… Ich behaupte nach wie vor, dass der gute ohne Sehhilfe mindestens so blind wie ein Maulwurf durchs Leben stapft – Was aber in keinster Weise als zur Konzertkritik relevant verstanden werden sollte! Knapp sechzig Minuten nach dem Showstart verabschiedeten sich The Black Dahlia Murder zu guter letzt mit einem fetten «I Will Return», und unterstrichen dabei ein letzes Mal erneut ihren Status innerhalb der Szene: Obwohl die Band rein Songwriterisch gesehen in letzter Zeit etwas abgegeben hat, verpasst sie live nach wie vor gerne und regelmässig dem Publikum die volle Breitseite – Und das so intensiv, dass ich ihnen auch den etwas repetitiven Gesamteindruck verzeihe.