Livereview: Reckless Tide - Knowhere - Nächtlich Thränet
18. März 2007, Uster, Rock City
by HaRdY
Eigentlich wollte ich ja nur friedlich ein paar kühle Weizen kippen, zum geschmeidig machen eine Sportzigarette schmauchen, meinen neuen Gehörschutz einem praktischen Feldtest unterziehen und in aller Ruhe den graupligen Sonntag mit unser aller Sonnenschein, sprich ein bisschen Metal, ausklingen lassen, aber sicherlich nicht auch noch ein Review über diesen Abend schreiben. Aber erstens kommt es ja bekanntlich anders und zweitens als man denkt. Darum kam ich der (kurzfristigen) Einladung von Manu (Nächtlich Thränet) gerne nach und begab mich spontan und ohne jegliche Vorahnungen ins Soundcave nach Uster. Das Wetter wurde von offiziellen Stellen zwar als ‚kalte Scheisse’ eingestuft, aber des Metallers Herz fängt ja dann erst gerade an, sich zu erwärmen (A propos: Es ist ja ein weit verbreiteter Irrglaube, dass auch Black Metaller im Winter frieren. Sie zittern nur aus Wut, weil es nicht noch kälter ist... Aber das nur ganz am Rande). Bei meinem Eintreffen um ca. 21:15 waren...

Nächtlich Thränet
... bereits heftig am Gas geben und boten dem knapp in Fussballmannschaftsstärke vorhandenen Publikum in ihrer gewohnt sympathisch-snobistischen Manier ihre brachialen, durchgeknallten Kompositionen dar. Die Stimmung war wahrscheinlich auch wegen der mageren Zuschauerkulisse sehr locker, man hatte das Gefühl an einer öffentlichen Hauptprobe dabei zu sein und dem Entsprechend kurzweilig und familiär gestaltete sich auch ihr Auftritt. Zum ersten Mal mit dabei war auch der neue Basser, der sich zwar noch vornehmlich im Hintergrund aufhielt, aber durch einen soliden Teppich zu überzeugen wusste. Trommelschlumpf Villiger hatte wohl einmal mehr vorgängig eine Atomuhr gefressen und nagelte sich supertight durch "Casanova" und alle anderen Tracks, deren Titel ich selbstverständlich bereits wieder vergessen habe („höre den Kalk rieseln, isch schwör'…“). Das Gitarrenduo Egli/Fürer wusste mit seinen einmalig kranken Riffs und Soli das Auge/Ohr auf sich zu ziehen und vor allem Egli war so herrlich verstrahlt, dass ich mich bis jetzt wundere, warum die anwesenden Damen der Schöpfung dem guten Mann keine BH's zugeworfen haben. Bischof würgte in gewohnter Manier gekonnt souverän das Mikro und scherzte mit dem Volk herum. Für mich ist er immer noch einer der besten Sänger im heftigen CH-Metier. Viel zu schnell war’s dann auch schon wieder vorbei und nach einer längeren Umbaupause (unter anderem Umbau des Schlagzeugs auf Linkshänder) betraten die Black Metaller von...

Knowhere
... die Bühne. Man merkte der Truppe die Live-Routine der letztjährigen Tour mit Necrophobic an, und darum gab’s am Soundgewand der detailverliebten Songs auch überhaupt nix zu bemängeln. Wer der Band unkundig ist, wird sich nach dem ersten Blick auf die Bühne jedoch erst mal fragen, wo zum Geier das Gekreische her kommt. Denn obschon die beiden Gitarristen Zappi und Fuhli sowie Bassistin Arlette die Front bilden, ist augenscheinlich kein Mikrophon vorhanden. Des Rätsels Lösung ist nicht Gesang aus der Konserve, sondern Rhythmusmaschine Kov, der neben der überraschend sauberen Fellgerberei auch für den Gesang zuständig ist. Immer wieder chapeau, Kollege! Ihr melodiöser, progressiver Stil wird des Öfteren von unerwarteten Passagen aufgelockert, wie z.B. einem Ska-ähnlichen Einschub beim Titeltrack der aktuellen (und äusserst hörenswerten) Langrille „The Mascot“. Zwei der NT-Musiker liessen sich auch nicht lange bitten und legten vor der Bühne einen mehr als sehenswerten Tango auf’s Parkett, der sich gewaschen hatte, absolut köstlich (und ich ohne Kamera, verf+*ç%&!)! Auch bei Knowhere war die Stimmung auf dem Grat zwischen sympathisch-entspannt und unterhaltsam (ja, auch Black Metal darf zum Feiern einladen), und Vortänzerin Arlette war sich nicht zu schade, den anwesenden Burschen eine Steilvorlage in Sachen Körperbewegung zu präsentieren. Ein rundum gelungener Auftritt, der mich positiv überraschte und zu überzeugen wusste. Müsste eigentlich nur noch ein agiler Frontmann dazustossen, und die Chose dürfte noch einen weiteren Gang zulegen.

Da ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits ein paar isotonische Getränke intus hatte und mir mindestens 99% der bekannten teutonischen Thrash Bands eh am (fast) Nichtvorhandenen vorbeigehen, wäre ich beinahe verfrüht abgehauen und hätte infolgedessen den inakzeptablen Fehler begangen, ...

Reckless Tide
... zu verpassen! Ich kann zwar normalerweise mit dem vor old schooliger Pathetik triefenden, selbstbeweihräucherungsschwangeren Stil unserer Nachbarn aus dem grossen Kanton im Norden überhaupt nichts anfangen, aber was dieses Sextett zu fortgeschrittener Stunde abgeliefert hat, war beste Unterhaltung und Tanzbeinanimierung galore! Wie sich später aufklärte, sind Reckless Tide die Gesamtsieger des ersten Wacken Metal Battle 2004, staubten dazumal den Deal mit Armageddon Records ab und sind aktuell gerade auf Tour, um ihr neues Album „Helleraser“ auch live-technisch zu promoten. Die klassische Quintett-Besetzung plus einem zweiten Sänger ist jedenfalls schon mal einen zweiten Hingucker/-hörer wert. Und wenn die eine Gitarre dazu noch mit einer leckeren Amazone bestückt ist, korrigiert man(n) ohne grössere Gewissensbisse seinen gerade festgelegten Heimkehrplan um plus einen Gig mehr nach oben. "Barjunge, bitte noch ein Weizen!". Zum mehr als gelungenen Auftritt verhalf auch der plötzlich extrem druckvolle und transparente Sound (für mich zumindest, die neuen Ohrstöpsel sind ihr Geld wahrlich wert), alle Instrumente gut hörbar und verpackt in einem fetten Brett, so soll ein Live-Sound sein! Manche Kritiker könnten der Band zwar vorwerfen, dass in punkto Orginalität kein Blumentopf gewonnen werden dürfte (und dem muss ich in gewisser Weise auch zustimmen), jedoch verpacken die fünf Krieger und die blonde Amazone gut Abgehangenes in moderne, atemfrische Verpackungen, legen einen zusätzlichen Schuss Spielfreude drauf plus als Schmankerl eine astreine, tighte und sympathische Darbietung. Faire Sache. Für mich nahezu perfekter Gute-Laune-Thrash, der die nötige Power aber nicht vermissen lässt und schlussendlich auch dank den beiden charismatischen und amüsanten Sängern/ Luftgitarrevirtuosen nichts anderes als Spass macht. Ein Kreator-Cover und diverse über das Set verteilte, angespielte Iron Maiden-Klassiker gaben dann noch endgültig Salz in die Suppe, und die Mannschaft war sich auch nicht zu schade, trotz dünnst gesäten Zuschauerreihen nach dem regulären Set (und massig Zugabe-Geschreie seitens des Publikums) nochmals die Bretter zu entern und abzudrücken, als ob das Lokal ausverkauft gewesen wäre. Der Dank war enthusiastischer Applaus und das Wissen, ein paar Fans dazugewonnen zu haben die ihren Namen mit einem Funkeln in den Augen weiter verbreiten werden. Hoffentlich seid Ihr bald mal wieder bei uns im Schokoland, Reckless Tiders, weil so macht Ausgehen richtig Freude.

Abschliessend will ich allen Lesern einfach einmal mehr das Besuchen der nicht gerade wenigen Untergrund-Gigs ans Herz legen. Denn wie ich selbst an diesem Abend werdet auch ihr dann und wann auf eine Perle von einer Band stossen und ermöglicht so ganz nebenbei mit eurem persönlichen Erscheinen unsere geliebte Szene am Leben zu erhalten. Scheissegal, ob ihr wegen der Bands eure knochigen oder fetten Ärsche von der Couch erhebt, die Veranstaltungsplätze mit eurem hemmungslosen Getränkekonsum unterstützt, danach wieder ein paar Anektoten mehr zu erzählen habt oder schlicht auf geselliges Zusammensein steht, aber der Untergrund steht und fällt mit Euch. Hellelujah!